Kashgar

27. Mai 1999
Uigurische Strassen-Bäckerei in Kashgar.
Uigurische Strassen-Bäckerei in Kashgar.

Kashgar historisch

Kashgar, die Hauptstadt des gleichnamigen Regierungsbezirks, liegt im Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang der Volksrepublik China. Die Oasenstadt mit einer Fläche von 96 km<sup>2</sup> war (ist) ein wichtiger Knotenpunkt der Seidenstrasse. Um 1999 hatte die Stadt ungefähr 340’000 Einwohner, drei Viertel von ihnen waren Uiguren, 22 Prozent Han-Chinesen. (Wegen des von Peking geförderten starken Zuzugs von Han-Chinesen dürfte sich das Verhältnis inzwischen stark zu deren Gunsten verändert haben.) Bis heute ist die Stadt (noch) islamisch geprägt.

Der Karakorum-Highway verbindet Kashgar mit Islamabad. Von hier aus führt weitere Fernstrassen über den Torugat-Pass ins kirgisische Bischkek und eine über den Irkeschtam-Pass ins ebenfalls kirgisische Osch. Vom 1999 erbauten Bahnhof führt eine Eisenbahnlinie nach Ürümqi. Die Stadt verfügt auch über einen Flughafen.

Im Verlauf der Geschichte stand Kashgar unter wechselnder Herrschaft. Schon früh war das Gebiet ein Fürstentum Westchinas. Ab dem 11. Jh. wurde die Stadt unter der türkischen Herrschaftsdynastie der Karachaniden muslimisch. Danach wurde sie von den Mongolen unterworfen und schliesslich bis ins 17. Jh. vom Tschagatei-Khanat, der Nachfolgefamilie eines Sohns von Tschingis Khan, beherrscht. Es folgten weitere Herrscherdynastien, darunter die Timuriden zwischen dem 14. und 15. Jh. Während eines Konflikts zwischen der Stadt und den Machthabern wurde die Innenstadt 1514 zerstört. Das vom Zerstörer wiederaufgebaute Kashgar ist die heutige Altstadt, ein Kulturerbe von einzigartigem Rang.

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    Lehmbauten in der Altstadt von Kashgar. (Bild aus dem Jahr 2011)
    &lt;br&gt;&lt;span class=&#34;f7&#34;&gt;Quelle:&lt;/span&gt;
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        &lt;span class=&#34;f7&#34;&gt;Kolja Hub, CC BY-SA 3.0&lt;/span&gt;
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China ist dabei, diese Altstadt im Rahmen einer sog. Modernisierung bis auf museal bewahrte Reste zu schleifen. Begründet wird das damit, die Bewohner in erdbebensichere Wohnblocks umsiedeln zu wollen. Dass die Betroffenen grossmehrheitlich Uiguren sind, dürfte der wahre Grund sein. Tatsächlich betrachten viele Bewohner der Altstadt das Erdbebenargument als vorgeschoben; sie werfen der chinesischen Regierung vor, die Zerstörung diene hauptsächlich sicherheitspolitischen Zwecken. Berichten zufolge geschieht dasselbe auch in Ürümqi, der Hauptstadt des Uigurischen Autonomen Gebietes Xinjiang. (Zur aktuellen Lage – 2018/19 – am Ende dieses Kapitals mehr.)

Nach der 200 km-Etappe hatte ich, wie oben erwähnt, am Abend des 26. Mai im Seman-Hotel eingecheckt. Ich war so erschöpft, dass ich nur eines wollte: ein Zimmer, wo auch mein Velo Platz fand, und ein Bett, wo ich mich hinlegen konnte. Beides bekam ich. Es war nicht zu übersehen, dass das Hotel seine beste Zeit hinter sich hatte. Pro Etage gab es über ein Dutzend Zimmer, alle ohne Toilette und Bad (was damals allerdings ausser in Top-Hotels Standard war). Am Ende eines langen Gangs fanden sich eine eher düstere Gemeinschaftstoilette und ein paar Duschen. Natürlich gab es keine Klosetts mit Wasserspülung, sondern Hocktoiletten mit Wasserkübel. Sie zu benutzen brauchte es zuerst Überwindung, aber dann war’s okay. Immerhin wurde täglich gründlich gereinigt.

Nachdem ich mich provisorisch eingerichtet hatte, holte ich mir am hotelnahen Kiosk ein Bier. Essen mochte ich nicht; wir hatten uns unterwegs regelmässig verpflegt, und ich war einfach zu müde, um auf ein Hungergefühl zu reagieren. Ich wollte einfach schlafen. Bis zum nächsten Morgen tat ich das während mindestens zehn Stunden.

Erfreut nahm am Morgen den grossen Thermoskrug mit heissem Wasser vor der Zimmertür entgegen. (Was ich in Pirali von den Offizieren bekommen hatte, fand hier seine Fortsetzung – als eine wenigstens in diesem Teil Chinas übliche Dienstleistung.) Später bat ich um einen Wäschezuber und bekam ihn sofort. (Die Wäscheleine spannte ich im Zimmer.)

Abgesehen davon habe ich keine besonderen Erinnerungen ans Seman-Hotel. Ich hatte einen grossen Raum mit zwei Betten und einem Schreibtisch. Nachdem ich die Wäsche in Ordnung gebracht hatte und auch die Gepäcktaschen und das Velo sauber waren, benützte ich das Zimmer fast nur zum Schlafen. Und bevor ich die gebrochene Speiche ersetzten konnte, musste ich zuerst eine beschaffen. An einem Ort, wo so viel Velo gefahren wird, meinte ich, beim nächsten Strassenmechaniker fündig zu werden.

Während der vier Tage in Kashgar erholte ich mich, erwanderte die Stadt, ass gut und besuchte schliesslich den legendären Sonntagsmarkt. Für die Rückreise bis auf den Khunjerab wollte ich den Bus nehmen. Ich war froh, ein paar Tage nicht aufs Velo steigen zu müssen.

Meine Neugier oder Vorfreude auf das uigurische und das chinesische Essen war gross. Ich wurde nicht enttäuscht. Schon in Tashkurgan hatte mir das Essen geschmeckt. In Kashgar ist die Auswahl an Restaurants grösser und nach dem Studium der Speisekarte hatte man jeweils die Qual der Wahl. In der kurzen Zeit bis Sonntag liess sich leider nur weniges probieren. Zwei Restaurants taten es mir besonders an, das uigurische Old City mit seinem grossen Garten und das Oasis Café mit der chinesischen Speisekarte. Das Frühstück nahm ich manchmal im Zimmer ein; die Zutaten für das, was mir besonders schmeckte, unter anderem die frischen Fladenbrötchen, liessen sich gleich neben dem Hotel besorgen. Als ich einmal im Oasis frühstückte, weil es dort heisse Schokolade gab, schmeckte alles vorzüglich, mit Ausnahme der Schokolade. Sie enthielt keine Milch. Mittags und abends traf ich mich meist mit anderen Radfahrern zum Essen. Das war, ob im einen oder anderen Restaurant, jedes Mal wahre Gaumenfreude. Da gab es zum Beispiel fritiertes Hühnerfleisch im Eierteig, gebratenen Reis mit Gemüse oder mit Rindfleisch gefüllte Teigtaschen an pikanter Sauce. Besonders taten es mir die diversen frischen Nudelgerichte an, aber genauso das variantenreich zubereitete Gemüse. Eigentliche Fleischgerichte waren nicht auf der Speisekarte, aber ich hatte auch kein Verlangen danach. Und die Portionen waren so bemessen, dass ich als Vorspeise höchstens eine Suppe bestellte. Eine Mahlzeit kostete einschliesslich Getränke zwischen 12 und 15 Yuan, umgerechnet knapp zwei Franken.

Das Old City entdeckte ich schon am Vormittag nach der Ankunft. Der Ort lud auch zum Verweilen ein. Schon beim ersten Besuch wurde ich freundlich empfangen und vom jungen Kellner, der ein paar Brocken Englisch sprach, äusserst zuvorkommend bedient. Weil erst wenige Gäste da waren, hatte er Zeit, sich mit mir zu unterhalten. Er wollte vieles wissen. Ich zeigte ihm Bilder der Schweiz und Familienfotos. In der Folge kamen nach und nach auch seine Kollegen an den Tisch, um sie sich anzuschauen. Auch das illustrierte Reisebuch blätterten sie eifrig durch, behielten dabei jedoch höfliche Distanz. Ich verbrachte hier viel Zeit, konnte ich doch hier auch ungestört lesen und schreiben. Einmal, als ich am Mittag da war, liess sich an den Nebentischen eine Gruppe Chinesen nieder. Alle in Anzügen. Ihr Auftreten war eine einzige Manifestation sozialen Protzens. Das drückte sich auch dadurch aus, dass sie ihre Mobiltelefone herumzeigten. Was für eine Diskrepanz zu Pakistan, wo es in einem Dorf höchstens eine Telefonstation aus der Kolonialzeit gab. Die protzenhafte Art zeigte sich beschämend deutlich im arroganten Verhalten dem Kellner gegenüber. Ich wähnte mich auf dem Set eines Films über amerikanische Südstaaten zur Zeit der Sklaverei. Der höfliche Uigure wurde in empörender Weise herabgesetzt; es wurde mit ihm nur im herrischen Ton kommuniziert. Ihm blieb keine Wahl; das Herr/Knecht-Verhältnis schien definiert.

Auch andere Radfahrer kamen mit Uiguren ins Gespräch. Einzelne redeten offen über die Diskriminierung und manchmal gar über ihren Hass gegen die chinesischen Machthaber. Ein etwa 30-jähriger Mann – er betrieb einen Info-Shop – berichtete zum Beispiel, nur chinesische Kinder dürften in der Schule Englisch lernen. Er selber verfüge über die berufliche Qualifikation eines Englischlehrers, übe jedoch auf den Beruf nicht aus, da er nur Han-chinesische Kinder unterrichten dürfte.

Einmal begegnete ich um die Mittagszeit einer grösseren Zahl wartender Frauen mit Fahrrädern. Es waren chinesische Mütter, die ihre Kinder von der Schule abholten. Wenige Augenblicke später eilten ihnen vom Schulhof her Kinder in Schuluniformen entgegen. Es schien, dass die Kinder von Han-Chinesen in separaten Schulen unterrichtet wurden. Dass so viele von der Schule abgeholt wurden, war zweifellos eine Vorsichtsmassnahme. Die Kinder allein über die Strassen gehen zu lassen, erschien wegen der rücksichtslosen Fahrweise mancher Motorisierter gefährlich. Auf Fussgänger wurde kaum Rücksicht genommen. Während ich beobachtete, wie jene, die nicht abgeholt wurden, allein oder in Gruppen die Strasse zu überqueren suchten, sah ich den Verkehr nie auch nur kurzzeitig zum Stillstand kommen.

An der eben genannten Schule war ich schon am Morgen vorbeigekommen und hatte gesehen, wie auf die in Reih und Glied stehenden Kinder auf dem Schulhof eingeredet wurde. Sie reagierten wie auf Kommando mit speziellen Armbewegungen und rhythmischem Klatschen. Ob es sich um Morgengymnastik, um ein Ritual politischer Erziehung oder um etwas anderes handelte, blieb mir verborgen.

Kupferschmiede in offener Werkstatt.
Kupferschmiede in offener Werkstatt.

Es waren heisse Tage Ende Mai 1999 in Kashgar. Zum Glück war der Wind meist eher schwach, oder es war sogar windstill. Wenn Wind von der nahen Taklamakan-Wüste her Staub in die Stadt trägt, dringen die Sonnenstrahlen nicht mehr durch. Um 1999 hielten sich die Menschen Taschentücher vors Gesicht, während sie heute vermutlich Masken tragen. Strahlenden Sonnenschein gab es an keinem der Tage, aber auch nur einen Tag mit Staubsturm. Der trieb einen buchstäblich von der Strasse.

Ich war öfters mit den Kölnern Petra und Achim unterwegs. Sie waren zwei Tage nach mir in der Stadt angekommen. Richtig geniessen konnten sie den Aufenthalt wegen der möglichen Tollwutinfektion nicht.1 Vom Hundebiss zeugte zwar nur noch ein Bluterguss, aber man hatte Achim dringend zu einer Schutzimpfung geraten. Sie hatten bereits das städtische Krankenhaus und eine Privatklinik aufgesucht. Ohne Erfolg. Das erste verfügte über keinen Impfstoff, und in der Klinik waren keine Ärzte anwesend. Rat und Hilfe erhielten sie schliesslich von der Deutschen Botschaft in Peking. Man klärte von dort aus ab, wo er in Kashgar die ersten Injektionen bekommen konnte.

Während wir zu dritt im Gelände des Sonntagsmarkts unterwegs waren, versuchte Achim via das halböffentliche Telefon eines Strassenhändlers wieder mit der Botschaft Kontakt aufzunehmen. (Man musst sich folgende Situation vorstellen: Im Gedränge einer Marktgasse mit hohem Lärmpegel stand der junge Mann mit dem Hörer in der Hand und hoffte auf Anweisungen, wann und wo ihm das Medikament gespritzt werden konnte. – Der Händler betrieb den Telefonservice direkt auf der Gasse.) Tatsächlich erhielt Achim erfreulichen Bescheid; er sollte sich noch am gleichen Tag in einem bestimmten Spital einfinden. Darum trennten wir uns wenig später. Petra und Achim begaben sich zurück ins Hotel. Sie wollten einen Dolmetscher auftreiben, der sie ins Spital begleitete. (Ich traf die beiden auf der Reise noch einmal. Zufällig und viel später. Die Fortsetzung ihrer Geschichte wird dort folgen.)

Ob sich hier eine passende Speiche finden liess?
Ob sich hier eine passende Speiche finden liess?

Das vermeintlich einfache Beschaffen von Ersatzspeichen erwies sich als Trugschluss. Zwar kam ich regelmässig an Reparaturshops vorbei. Aber überall, wo ich fragte, hatte man nur zu kurze Speichen. Nur wenige Millimeter längere hätten genügt, und die Nippel hätten richtig gegriffen. Zum Ausprobieren nahm ich beim x-ten Velomech dann doch zwei, drei mit und baute im Hinterrad sowohl die gebrochene als auch die am Karakol-See eingebaute Drahtseilspeiche aus. (Sie erwies sich als höchstens provisorischer Ersatz.) Bei den neuen griff der Nippel so knapp, dass nur wenige Drehungen möglich waren. Ob das hielt? Ich war entschlossen, das Risiko in Kauf zu nehmen. Vom Khunjerab bis Gilgit hatte die Strasse fast durchgängig guten Belag, so dass das Hinterrad keine extreme Belastung mehr aushalten musste. Zu testen brauchte ich diese zu kurzen Ersatzspeichen dann jedoch nicht; ich bekam passende von einem Australier, den ich in Tashkurgan kennen gelernt hatte. (Weder unterwegs noch später zu Hause musste ich an den Rädern dieses Velos je wieder eine Speiche ersetzen.)

Der Australier war zu diesem Zeitpunkt schon vier Jahre auf Velotour durch die Welt, inzwischen begleitet von einer Österreicherin. Sie habe Geologie studiert und sei dann nach Australien gezogen, erzählte sie. Den Lebensunterhalt verdiente sie dort in einer Bäckerei. In der Freizeit habe sie Sonne und Strand genossen. Im kommenden Jahr planten die beiden, mit dem Velo Südamerika ‘zu machen’.

Sie hatten am gleichen Tag wie die Engländer und ich vom Karakol-See bis Kashgar durchfahren wollen, hatten dann schon auf halber Strecke in Ghez übernachtet. (Im Dörfchen mit dem Militär-Checkpoint, wo wir nach der Fahrt durch den Canyon eine Essenspause eingelegt hatten.)

Auch sie wollten mit dem Bus über den Khundjerab ins pakistanische Sost zurück. Sie hätten jedoch von exorbitanten Kosten für den Gepäcktransport gehört. Velo und Gepäcktaschen im Bus mitzunehmen koste umgerechnet annähernd siebzig Dollar. Darum versuchten sie, weitere Velo-Touristen zu gewinnen, um gemeinsam einen privaten Kleinbus mit Fahrer zu mieten. Das, meinten sie, würde weniger als 350 Dollar kosten. Verteilt auf eine Gruppe sei das für den Einzelnen billiger als mit dem offiziellen Bus. Ich war skeptisch, denn was würden wir tun, wenn der Privatfahrer uns in Tashkurgan stehen liess? Dort hatte man uns auf der Herreise berichtet, für Privatfahrzeuge würden hier hohe Zollgebühren erhoben. Ausserdem hatten die beiden Schweizer, die nach Pakistan unterwegs waren und in Tashkurgan das Zimmer mit mir teilten, kein Wort gesagt von speziellen Kosten für ihre Trekking-Rucksäcke. In der Tat erwies sich die ganze Geschichte als Gerücht. Dass Globetrotter wie die Österreicherin und der Australier solches kolportierten, ohne sich selber klug zu machen, erstaunte mich. Ich begab mich schon zwei Tage nach der Ankunft zum Fernbusbahnhof, denn ich wollte sichergehen, am Montag einen Sitzplatz nach Sost zu bekommen. Der Beamte winkte ab; es genüge, wenn ich am Reisetag morgens um sieben da sei. Wenn er trotzdem eine Reservation vornehmen müsse, werde eine Schreibgebühr von 30 Yuan fällig. (Ungefähr fünfzig Yuan bezahlte ich schliesslich das Ticket für mich, das Rad und das Gepäck, umgerechnet weniger als sieben Franken. Von einem überhöhten Fahrpreis konnte keine Rede sein.)

In Tashkurgan hatte ich das erste und bisher einziger Mal telefonischen Kontakt mit meiner Familie gehabt. Hier gab es in unmittelbarer Nähe des Hotels einen E-Mail-Shop, ausgerüstet allerdings nur mit einem einzigen PC. Als ich von dort aus kurz nach der Ankunft eine Nachricht senden wollte, wurde ich vom jungen Inhaber vertröstet. Die Leitungen seien überlastet; ich solle es nach 22 Uhr wieder probieren. Am späten Samstagabend ging ich ein weiteres Mal hin. Eine Frau sass vor dem Bildschirm und schien auf der Tastatur jedes Zeichen suchen zu müssen. Eine halbe Stunde werde sie schon noch brauchen, meinte sie. Da ausser mir noch jemand wartete, fragte ich, ob ich am Sonntagmorgen früh vorbeikommen dürfe. (Der Shop war an sich rund um die Uhr geöffnet.) Er schlafe im Hinterzimmer, meinte der Mann; ich solle so lange an die Tür klopfen, bis er aufwache. Knapp acht Stunden später war die Tür verschlossen, und ausser mir war noch niemand da. Es dauerte ein paar Minuten, bis der schlaftrunkene Inhaber an die Tür kam. Ein Mann, der nebenan gerade seinen kleinen Laden aufmachte, hatte mitgeholfen, ihn herauszuklopfen.

Als ich meine Nachricht geschrieben und abgeschickt hatte, war ich unsicher, ob sie wirklich gesendet worden war. Der Betreiber meinte, es sei okay. Abends wollte ich nochmals herkommen; ich hoffte auf eine Antwort. Tatsächlich war für mich eine Mail da, die ich auf einem mit einer Papierrolle bestückten Nadeldrucker ausdrucken konnte. Den Streifen bewahre ich bis heute auf. Obwohl privat, ist er heute ein Dokument über die damalige Form der Kommunikation ebenso wie darüber, was man einander nach zwei Wochen Trennung über eine Distanz von 5'500 km mitzuteilen hat. Die Mail-Antwort meiner Frau Margrit und von den Söhnen Manuel und Zeno[2] vom 30. Mai 1999 wird deshalb hier im Wortlaut wiedergegeben:

Lieber Gerold

Lässig, dass du uns ein E-Mail geschickt hast. Ich würde gerne noch viel mehr von dir hören, kann auch nicht ein riesiges E-Mail schicken aus Zeitgründen. Auch bin ich mich nicht gewohnt, an dieser Tastatur zu schreiben und kann zum Beispiel die Grossschrift nicht mehr ausschalten. Manuel muss sich bereit machen für ein Rennen – Aargauer Meisterschaft – er ist am Frühstücken und kann mich darum nicht begleiten. Den oder das E-Mail [!] sollten wir abschicken, bevor er geht, damit du es noch erhältst. Es ist Sonntagmorgen um 9.00 Uhr. Ich muss mit Zeno in den Zehn-Uhr-Gottesdienst, da die Erstklässler etwas für die Feier gestaltet haben. Kannst du uns eine Antwort schicken, damit ich weiss, ob du unseren Brief erhalten hast?

In den letzten Tagen hatten wir wunderbar warmes sommerliches Wetter. Das ist richtig toll. Alle geniessen es, und es wird geheut, was das Zeug hält. Ich habe in dieser Zeit auch im Garten gearbeitet, angepflanzt (Kartoffeln, Lattich, Lauch) und gerodet bei der Holzbeige. Über Pfingsten hingegen hat’s geregnet, noch ärger als eine Woche vorher, richtiggehend katastrophal. Überall Überschwemmungen und Erdrutsche und gesperrte Strassen. Ich bin mit Zeno im Wallis gewesen, bin schon am Freitagmorgen gefahren und hatte an diesem Tag keine Probleme, durch den Furka zu kommen. Es regnete den ganzen Tag, im Wallis zum Glück nur leicht; vor allem im Raum Zentral- und Ostschweiz. Am Samstag besserte sich das Wetter allmählich, und ich konnte mit Zeno in die Mineraliengrube hinauf. Im Imfeld haben die Schneemassen des Winters einigen Schaden angerichtet: Es wurde dem kleinen Bach entlang sehr viel Holz weggeräumt, so dass der Bach unten jetzt kahl ist, was ich schade finde. Nimmt mich wunder, was weiter mit ihm geschieht, ob sie ihn eventuell noch verbauen wollen. Und stell dir vor, Schneewächten vom Hang ob Imfeld haben die beiden obersten Stadel (Lüthis Geissenstall und einen weiteren daneben) erdrückt – man sieht einen riesigen Haufen Bauholz und Steine – und Thomas’ Haus ist hinten total beschädigt worden, das Dach ist immer noch ausgefranst, eine neue Mauer ist auf der Rückseite schon gebaut. 6½ m Schnee hätten sie gehabt, sagte mir Margrit. Sonst geht’s ihnen dort oben gut, Peters neuer Stall ist fertig gebaut, aber noch nicht bezogen. Am Sonntag war herrliches Wetter, aber die Strassen praktisch überall gesperrt. Axenstrasse, Stansstad, Thunersee und am Montag auch Brünig, Beckenried-Emmetten gesperrt oder wegen Erdrutschen gefährdet. Bin übers Unterwallis! nach Hause gefahren. 360 km, aber wunderbare Landschaft und flüssiger Verkehr.

Ich hätte gerne mehr Nachrichten, längere Telefone oder öfters E-Mail von dir. Ich möchte mehr von dir wissen, aber auch mehr erzählen können. Wie weit bist du eigentlich vom Kaschmirgebiet weg? Dort ist es ja jetzt zu einem Konflikt mit Indien gekommen mit kriegerischen Ereignissen.

Zeno will auch noch etwas schreiben. Er wartet schon die längste Zeit neben mir. Also gebe ich ihm den Platz frei.

Hallo Papa!

Ich habe von Beni eine Wasserpistole erhalten. Gestern sind wir in der Badi Muri gewesen mit dem Velo. Ich spiele jeden Abend draussen und schaue jeden Abend Mighty Ducks.

[Und Margrit fuhr fort:]

So, jetzt müssen wir Schluss machen. Jakob H… hat sich nach dir erkundigt, ob du etwas zu Deutsch im Internet verfasst hättest. Manuel hat ihm deine E-Mail-Adresse geschickt. Hier ist seine: i.h[…]@freesurf.ch.

Ich bin begierig auf weitere Nachrichten von dir. Ich denke jeden Tag an dich und schicke dir gute Wünsche. Die Welt ist ja nicht so gross, und Gedanken reisen schnell, nicht wahr. Herzlichst: Margrit

Hallo Papa!

Das Rennen heute ist zum Glück nur 18 Kilometer lang, denn das isotonische Getränk von dir vertrage ich irgendwie nicht. Ich habe immer schwere Beine gehabt, seit ich es getrunken habe. Jetzt ist es aber schon ein bisschen besser und Oli und ich hoffen darauf, dass alle guten Fahrer Wheeler Swiss Cup fahren. Dann haben wir auch eine Chance.

Viele Grüsse Manuel!

Der Anfang der ausgedruckten Mail.
Der Anfang der ausgedruckten Mail.

Das frühe Aufstehen am Sonntagmorgen passte gut; wir wollten uns ohnehin zeitig zum Sonntagsmarkt auf den Weg machen. Der seit 1500 Jahren existierende Markt dürfte einer der grössten in Asien sein. Man schätzt, dass ihn jedes Mal 50'000 Menschen besuchen. Ich traf mich mit Petra und Achim bei ihrem Hotel, von wo aus wir losmarschierten. Schon vor sieben Uhr waren die Strassen belebt. Velos, Fussgänger, Pferde- und Eselskarren, Motorräder, motorisierte Rikschas, Autos, Lastwagen und Kleinbusse, kurz, Gefährte aller Art bewegten sich durchs Gedränge. Wir sahen auch Händler mit Holzfuhren. Auf der Hauptstrasse nach Osten wurde schon in der Früh alles Erdenkliche angeboten, Früchte und Gemüse, Joghurt in grossen Blechbehältern, frisch geschnittene Sträucher, sogar Bündel mit Gras, anderswo landwirtschaftliche Werkzeuge, etwa ganz aus Holz gefertigte Heugabeln (wie sie bei uns in Dorfmuseen als historische Arbeitsgeräte ausgestellt sind). Und öfters Händler, die einzelne an Haken gehängte Körper geschlachteter Rinder, Kälber oder Schafe anboten.

Rinder oder Kälber?
Rinder oder Kälber?

Auch Dienstleister waren da. Barbiere rasierten und schnitten fast im Akkord Haare, Schuhmacher reparierten Sohlen. Und, wie oben beschrieben, gab es auch Händler, deren Telefon man gegen Gebühr benutzen konnte. Achim kam dies gelegen, konnte er so doch, wie schon berichtet, wegen der Impfung wieder mit der Deutschen Botschaft telefonieren. In diesem Kontext kam’s zu einem kurzen Zwischenfall: Vor dem Geschäft neben dem Telefon-Anbieter stand im Schatten eine Bank. Während Achims Telefonat setzte ich mich drauf. Ein Uigure, mit dem ich im Gespräch war, tat es auch. Zu viel für das Brett: Es brach entzwei. Der Ladeninhaber kam heraus, trug die Sache aber (noch) mit Fassung. Nun stellte mir der Sohn des Telefon-Händlers einen Stuhl hin, allem Anschein nach zum Teil auf das Territorium des Nachbarn. Dem platzte nun der Kragen. Er komplimentierte mich weg, worauf der Junge zu ihm eine vermutlich abschätzige Bemerkung machte. Der Mann explodierte, schrie den Jungen an. (Unmittelbar daneben versuchte mein Begleiter die für ihm womöglich lebenswichtigen Informationen zu verstehen!) Bemerkenswert war, dass ich nicht in den Zwist hineingezogen wurde und dass sich der Telefon-Anbieter nicht provozieren liess. Er blieb die Ruhe selbst. Trotzdem waren wir froh, dass wir wenige Augenblick später die Szene verlassen konnten.

Joghurt in Blechbehältern auf dem Sonntagmarkt.
Joghurt in Blechbehältern auf dem Sonntagmarkt.

Schliesslich erreichten wir nach einer Dreiviertelstunde das Marktzentrum. Auf dem grossen Platz werden jeden Sonntag Pferde (auch Pferdegespanne) sowie Klein- und Grossvieh gehandelt. Wer Tiere verkaufen will, bezahlt am Eingang eine Gebühr. Im Wirrwarr von Tieren, Verkäufern, Käufern und Schaulustigen wurden Verkaufsverhandlungen erstaunlich ruhig geführt. Auch ohne vom Inhalt der Gespräche etwas zu verstehen, sah man, wie hartnäckig gefeilscht wurde. Der potenzielle Käufer beäugte das Tier von allen Seiten, strich ihm über den Rücken, schaute ihm ins Maul, begutachtete seine Beine und (bei Kühen) das Euter. Und er machte ein Angebot. Dieses wurde vom Verkäufer selbstverständlich zurückgewiesen. Das nun einsetzende ritualisierte Hin und Her dauerte oft mehrere Minuten. Dabei verzog keiner der Kontrahenten eine Miene. Wenn man sich einigte, wurde dies per Handschlag bestätigt, wenn nicht, ging man auseinander.

Nach erfolgreichem Feilschen.
Nach erfolgreichem Feilschen.

Im Innern des Viehmarkts bewegten sich, abgesehen von den Touristen, nur Uiguren und Tadschiken. Nutztierhandel, so schien es, betrieben ausschliesslich sie. Es waren meist ältere, bärtige Männer mit Charakterkopf mit stolzem Blick. Sie verhandelten miteinander auf Augenhöhe.

Eine Ausnahme bildete eine Szene, wo eine Frau mit ihrem vielleicht zwölfjährigen Jungen eine junge Kuh kaufen wollte. Abwechselnd stand oder sass sie auf der Umfassungsmauer, während der Knabe sich zwischen ihr und dem Händler hin und her bewegte. Er sprach mit der Mutter, eilte zum Händler, redete kurz mit diesem und brachte die Antwort zurück zu ihr. Bei dem ebenfalls hartnäckigen Feilschen spielte der Bub die Rolle des Botschafters. Ob der Deal zustande kam, weiss ich nicht mehr. Die Szene an sich dünkte mich merk-würdig genug, um sie im Tagebuch festzuhalten.

Trotz des Gedränges blieb auf dem Gelände ein offener Raum, ohne Tiere und Leute. Auf einer Länge von ungefähr 50 Metern konnten die Verkäufer hier vorführen, wie beweglich ein Reit- und Wagenpferd war respektive wie gut es galoppierte. Die Tiere schienen darauf trainiert zu sein, galoppierten sie doch unter dem Reiter sehr kräftig an, zogen das Tempo einige Sprünge lang durch, stoppten, wendeten und zeigten Kraft und Schnelligkeit auf dem Rückweg ein zweites Mal. Ein Wagenpferd stach besonders heraus. Es war vor einen kurzen zweiachsigen Wagen mit leichten Speichenrädern – eine Art Rennmaschine – gespannt. Das Geschirr war geschmückt, unter anderem mit einem Band voller Schellen. Wie der Besitzer es nun traben und sogar galoppieren liess (das Schellenrasseln beeindruckte ebenfalls), weckte nicht nur die Neugier von uns Zuschauern, sondern die Aufmerksamkeit aller.

Ein ganz besonderes Pferdegespann.
Ein ganz besonderes Pferdegespann.

Auf dem Rückweg – Petra und Achim hatten sich schon längst verabschiedet, da sie im Spital den Termin wahrnehmen mussten – versuchte auch ich mich im Feilschen. Ich schlenderte durch die Gasse der Kupferschmiede und sah Gefässe verschiedenster Grösse und Form. Eines wollte ich erwerben. Aber wie sollte ich es transportieren? Ich war zuversichtlich, denn mittlerweile war die mitgeführte Notnahrung fast aufgebraucht, so dass es in einer der Hinterradtaschen Platz finden müsste. Der erste Händler verlangte für eine etwas grössere Kanne, als sie mir vorschwebte, 120 Yuan. Auf mein wohl zu tiefes Angebot ging er nicht ein. Auf der anderen Strassenseite versuchte ich es erneut. Ich hoffte, bereits etwas begriffen zu haben. Zuerst sah ich zu, wie ein Uigure während längerer Zeit verhandelte und sich anscheinend zwischen zwei Kannen nicht entscheiden konnte. Schliesslich erwarb er beide für 300 Yuan. Selber nahm ich nun ein Teekännchen vom Gestell und fragte nach dem Preis. 70 Yuan. Das war eigentlich zu günstig, um noch zu feilschen. Trotzdem tat ich es; ich bot 50 Yuan. Der Kupferschmied ging runter auf 60. Schliesslich einigten wir uns auf 55. Ich hatte ein hübsches, handgefertigte, mit Ornamenten verziertes Teekännchen erworben.2

Die Feinarbeit mit schwerem Hammer.
Die Feinarbeit mit schwerem Hammer.

Kashgar heute (2018/19)

Schon im 19. Jh. kam es in Kashgar wegen ethnischer Spannungen mehrmals zu Revolten. In den 1980er- und 90er-Jahren dann verübten militante Uiguren Terroranschläge. (Ein dabei beschädigtes Hotel war 1999 noch immer geschlossen.) Hauptursache war die als Unterdrückung erlebte chinesische Herrschaft beziehungsweise das Streben nach Unabhängigkeit. In jüngster Zeit haben sich anscheinend auch Uiguren der Terrormiliz des Islamischen Staates angeschlossen. Wie viele es sind oder waren, ist unbekannt. China scheint dies als willkommenen Anlass zu nehmen, ihre Politik der Diskriminierung gegenüber der muslimischen Minderheit zu verschärfen. Vereinzelt berichten westliche Medien seit Sommer 2018 über kriegsähnliche Zustände in Teilen Xinjiangs, in Ürümqi ebenso wie in Kashgar. Human Rights Watch schätzt, dass zurzeit gegen eine Million Uiguren und andere turkstämmige Muslime in Umerziehungslagern festgehalten werden.3 (Das ist jeder zehnte Muslim.) Auch ein Ausschuss der Vereinigten Nationen berichtete darüber. Chinas Regierung bestritt die Existenz solcher Lager, bezeichnet sie inzwischen jedoch als «Bildungs- und Ausbildungszentren». Dass China die Uiguren gerade jetzt zu Loyalität gegenüber dem Staat und der Kommunistischen Partei zwingen will, hängt wohl auch mit dem Bau der Neuen Seidenstrasse zusammen. Die Provinz Xinjiang spielt dabei eine bedeutende Rolle. Von hier aus soll ganz Zentralasien und darüber hinaus Europa für chinesische Unternehmer erschlossen werden. Gerade der KKH wird als wirtschaftspolitisch bedeutende Verkehrsader aufgewertet. Um den Korridor zum Indischen Ozean und von da aus nach Europa leistungsfähiger zu machen, wird der Highway zu einer autobahnähnlichen Strasse ausgebaut. Bis zum Khundjerab-Pass, vernimmt man, sei das bereits geschehen.4 Neuere Bilder zeigen, dass der Ausbaustandard auch auf pakistanischer Seite viel höher ist als im Jahr 1999.

Es ist naheliegend, die forcierte Ansiedlung von Han-Cinesen in Xinjiang in den Zusammenhang zu stellen mit den längerfristigen wirtschafts- und kulturpolitischen Vorhaben. (Die Provinz trotzdem weiterhin als «autonom» zu bezeichnet, klingt zynisch.) Der Erfolg ist nicht zu bestreiten; inzwischen sollen die Han-Chinesen in Xinjiang die grösste ethnische Gruppe sein. (Damit ist klar, vom welcher Seite Integration eingefordert wird.) Die gegenwärtigen Umerziehungsmassnahmen sind möglicherweise der abschliessende Effort, die islamische Kultur endgültig zu marginalisieren respektive «die muslimische Unruheprovinz zum Hochsicherheitstrakt» umzubauen.5 In China herrscht seit 1982 Religionsfreiheit, aber heute werde die «Sinisierung der Religionen und die Anpassung dieser an die sozialistische Gesellschaft» vorangetrieben, erklärte Xiong Kunxin, Professor an der Pekinger Minzu-Universität.6 Die Forderung nach einer Sinisierung stammt vom Parteichef Xi Jinping. Seiner Auffassung gemäss sollen Religionen der Partei dienen, das heisst deren Führerschaft festigen.

Dass Diskriminierung besonders in Kashgar zu Spannungen führen würde, überrascht nicht. Diese Stadt, so legen es die Berichte nahe, bekommt die geballte Ladung sämtlicher chinesischen ‘Massnahmen’ ab. Was hier und im Gebiet bis Tashkurgan zurzeit geschieht, lässt sich nicht exakt dokumentieren. Journalisten, die vor Ort zu recherchieren versuchten – wie der Korrespondent von Radio SRF – wurden alsbald von Polizisten begleitet und, als sie hartnäckig weiter Fragen stellten, zum Flughafen eskortiert. Felix Lee von «Schweiz am Wochenende» schrieb im Juli dieses Jahres, auf dem KKH werde man spätestens 50 km hinter Kashgar von der Polizei an der Weiterfahrt gehindert. Mit der Begründung, die Terrorgefahr im Grenzgebiet sei zu gross.7 Dass der Journalist den KKH bis zu dieser Sperre als «leergefegt» beschreibt, ist ein Beleg für den Ausnahmezustand. Am 10. September 2018 forderte Michelle Bachelet, die neue Menschenrechtshochkommissarin der Vereinten Nationen, in ihrer ersten öffentlichen Rede China dazu auf, unabhängige Beobachter in die Region zu lassen, um die Berichte zu überprüfen. Peking reagierte umgehend mit der (üblichen) Zurechtweisung, man habe sich nicht in innere Angelegenheiten des Landes einzumischen.

Schon am 26. Juli hatte «Spiegel Online» berichtet, Kashgar fühle sich «in diesen Tagen manchmal an wie Bagdad nach dem Krieg. Sirenen heulen, Panzerwagen patrouillieren, und Kampfjets donnern über die Stadt. Die wenigen Hotels, in denen noch ein paar versprengte Touristen wohnen, sind blickdicht eingemauert. Mit groben, herrischen Gesten sortieren Polizisten in Schutzweste und Helm den Verkehr.»

Der Hauptverantwortliche für die Zwangsumerziehung ist Chen Quanguo, der Parteisekretär der Provinz Xinjiang. Er begann seine Arbeit im Sommer 2016. Was er hier mit grosser Energie durchexerziert, hat er in kleinerem Massstab in Tibet schon einmal ausprobiert. Zwischen 2011 und 2016 soll es ihm dort gelungen sein, jeden Widerstand auszulöschen.8 Man muss davon ausgehen, dass er Xinjiang inzwischen in eine Polizeiprovinz verwandelt hat. Die Instrumente dazu sind eine grosse Zahl neu installierter Polizeiwachen, Sicherheitssperren mit Überwachungskameras sowie ein Spitzelnetzwerk. Kai Strittmatter bringt es im «TA» vom 12. Oktober 2018 so auf den Punkt: «Die Moscheen stehen mittlerweile leer, dafür sind die Lager voll.» Am Ende wirft er die naheliegende Frage auf, ob das, was Chen hier ausprobiere, nicht in naher Zukunft «auf ganz China ausgeweitet wird». Hier wird womöglich ein gesellschaftliches Experiment durchgeführt, dessen Ziel es ist, einen umfassenden Hightech-Polizeistaates zu etablieren. Das mag als Unterstellung qualifiziert, aber die These ist nicht abwegig, wenn man liest, dass bei vermeintlichen Routineuntersuchungen in der Uiguren-Provinz DNA-Proben ebenso gesammelt werden wie Iris-Scans und Fingerabdrücke. Oder dass in Xinjiang nur noch Benzin bekomme, wer sein Gesicht scannen lasse.9

Auch ich nahm während meines Aufenthalts in Kashgar Ende Mai 1999 einiges von den Spannungen zwischen Uiguren und Chinesen wahr, von Polizeipräsenz bemerkte ich hingegen nichts. Ich fühlte mich weder beobachtet noch in meiner Bewegungsfreiheit oder meinem Tun eingeschränkt.

Ich werde mit Interesser verfolgen, ob Kashgar in naher Zukunft wieder als Reiseziel in Frage kommt und ob auch wieder Radtouren über den Khunjerab möglich sein werden.


  1. Näheres im Kapitel «Pamir-Hochebene, Tashkurgan und Karakol-See». ↩︎

  2. Man könnte kritisieren, dass ich einfach die verlangten 70 Yuan hätte bezahlen sollen. Dagegen spricht, dass ein Käufer, wenn er auf Märkten oder in Basaren nicht feilscht, von den Händlern nicht ernstgenommen wird. Kaufen und Verkaufen ist ein Spiel des Verhandelns. ↩︎

  3. So auch eine Äusserung des China-Korrespondent von Radio DRS im Echo-der-Zeit-Beitrag vom 10.09.2018. ↩︎

  4. Auch der auf Google Earth erkennbare Tunnel unter dem Khunjerab-Pass (ob projektiert oder erstellt) dient zweifellos diesem Ziel. ↩︎

  5. FAZ vom 29.09.2016. ↩︎

  6. Zit im «Tages-Anzeiger» vom 05.10.2018. ↩︎

  7. Felix Lee am 22. Juli 2018 in «Schweiz am Wochenende». ↩︎

  8. So Kai Strittmatter im «Tages-Anzeiger» vom 12.10.2018. ↩︎

  9. «TA Online» vom 11.10.2018. ↩︎